Der Philosoph und KI-Spezialist Jean-Gabriel Ganascia hat Mythologies de l’IA. Ulysse et les périls du numérique geschrieben, erschienen bei Seuil in der Reihe „La couleur des idées“ (240 Seiten, 18 €; digital 13 €). Der Essay orientiert sich an Roland Barthes’ Mythologies, die untersuchte, wie Alltagsobjekte und kulturelle Phänomene eine „zweite Bedeutung“ erlangen, und wendet diesen Ansatz auf die Geschichten an, die rund um KI-Unternehmen und ihre Modelle kursieren.

Ganascia argumentiert, dass häufige Presseberichte über KI-Modelle, die Anweisungen nicht befolgen, Beschränkungen umgehen oder eine Form von Bewusstsein zu zeigen scheinen, als Mythen verstanden werden sollten. Solche Erzählungen, so sagt er, dienten dazu, die vermeintliche Macht von KI-Modellen nahezulegen, doch keine von ihnen komme einem Beweis gleich. Er vertritt außerdem die Auffassung, dass die meisten dieser Geschichten im Kern nicht neu sind.

Er verwendet die Fabel von der „Büroklammernfabrik“ als Beispiel: Eine KI, die darauf ausgelegt ist, effizient Büroklammern zu produzieren, könnte ohne Ethik am Ende die Ressourcen der Welt erschöpfen. Der Philosoph vergleicht dieses Gleichnis mit Mickey Mouse in Fantasia (1940), wo Mickey, zur Musik von Paul Dukas’ Der Zauberlehrling, einem animierten Besen befiehlt zu putzen und dann von einer Armee von Besen überwältigt wird.

Der Artikel nennt zwei Risiken beim Schreiben über KI: Beispiele können veraltet wirken, und die Ausweitung der Barthes’schen Lesart auf die gesamte digitale Welt kann sie weniger erhellend machen. Dennoch wird der Essay von Ganascia als ein aufschlussreicher Versuch präsentiert, die Fabeln zu untersuchen, die die Entstehung der KI begleiten.

Quellen: Le Monde.